Als ich am 27. Januar 2016 in Riga ankam, war die kälteste Zeit bereits vorüber. Temperaturen von mehr als -15 °C und viel Schnee bestimmten den Januar in Lettland. Zum Mai wurde Riga dann in mehr Licht getaucht und die Temperaturen milder.
In Riga gibt es zwei Wohnheime der großen Universitäten (Technische und Lettische Uni), die LKA hat leider kein eigenes. Da die Bewerbungsfristen eher ungünstig lagen, entschied ich mich auf eigene
Faust in Facebookgruppen nach WGs Ausschau zu halten. Der WG-Markt ist relativ groß, es gibt eine Vielzahl an ausländischen Studierenden, die meisten jedoch deutsche Medizinstudent*innen. Ich wohnte in einer 2er-WG mit einem Portugiesen in einem von außen relativ schlecht gepflegten Backstein-Altbau. Die Wohnung war sehr einfach saniert: grauer Vinylboden, ockerfarbene Wände, einfache Sperrholzeinbauküche und -möbel, eine Dusch- und eine Toilettenkabine in der Küche – am Anfang definitiv ungewohnt für mich.
In Lettland und Riga gibt es noch wirklich arme und sehr vernachlässigte Gegenden. Dies wurde mir erst bewusst als ich in den Lebensalltag tiefer eintauchen konnte. Die relativ schicke Alt- und Neustadt werden vom Hauptbahnhof und dem Zentralmarkt (größter Hallenmarkt in Europa) von wirklich ärmlichen Stadtteilen (Moskauer Vorstadt) getrennt. Dort findet man zahlreiche heruntergekommene Häuser, Brachland, Baracken und stark beschädigte Straßen. Die Menschen leben einfach und genügsam. Genau dort steht die LKA, ein gepflegter Backsteinbau mit Obstbaumgarten und Lagerfeuerstätte.
Die LKA hat ein Buddy-Programm. Im besten Fall hat man von Anfang an eine*n persönliche*n Ansprechpartner*in für Fragen und Tipps. Mein Buddy war allerdings selbst noch im ERASMUS Semester in Mainz während meiner ersten zwei Wochen. Sie war aber in stetigem Kontakt mit mir und hat mich mit anderen Buddies zusammengebracht, die mir z.B. bei dem Kauf einer Mobilfunkkarte (sehr kostengünstig), sowie dem Studiticket (ebenso sehr kostengünstig) für den ÖPNV halfen. Hilfsbereitschaft wird an der LKA großgeschrieben. Während des Semesters wurden von den Buddies einige Veranstaltungen organisiert, wie z.B. Ausflüge ins Umland Rigas, Konzertabende und auch Besuche von externen Veranstaltungen. Auch Ausflüge in die Nachbarstaaten Litauen und Estland, sowie mit der Fähre nach Helsinki oder Stockholm, bieten sich durch das dichte und günstige Fernbusnetz an.
Das ERASMUS-Kursprogramm war vielfältig und ausreichend und lerneffektiv, auch wenn ein von mir gewählter Kurs nicht stattfinden konnte und ein anderer erst sehr verspätet im Semester begann. Allerdings werden diese ausschließlich englischsprachigen Kurse nicht von lettischen Student*innen besucht, die Internationals bleiben unter sich. Sehr schade meines Erachtens. Die Großzahl der Student*innen studiert in einem sprachorientierten Programm der interkulturellen Beziehungen zwischen Lettland und anderen meist europäischen Ländern. An der LKA werden auch künstlerische Studiengänge wie audiovisuelle Künste, Schauspiel und Theaterregie angeboten. In Kontakt kam ich mit den Performer*innen jedoch leider nicht, Eindrücke habe ich nur bekommen, wenn ich an der mit Musik und Tanzenden gefüllten Turnhalle vorbeilief.
Lettland ist ein Land der Tradition. Bräuche, Naturverbundenheit, Volksfeste, -Musik und -Tänze werden groß zelebriert. An Tanzabenden treffen sich Volkstanzclubs, Jung und Alt, um zu der live-gespielten Folksmusik die traditionellen Tänze aufzuführen. Auch als Neuling wird man gerne zum Tanz aufgefordert. Das Kellerwirtshaus Ala, wo jede Woche diese Veranstaltungen stattfinden wurde auch unter uns Internationals ein beliebter Treffpunkt.
Das Stadtbild Rigas wird vor allem durch die historische UNESCO-geschütze Altstadt bestimmt. Grobes Kopfsteinpflaster, historische Backsteinhäuser mit steilen Giebeln und durch die Deutsche Hanse erbaute Häuser, erinnern an architektonische Strukturen, wie man sie in vielen Städten der Ostseenationen findet. Das im moderneren Zentrum gelegene Jugendstilviertel bietet einen Blick auf prachtvoll verzierte Fassaden in bunten Farbgebungen.
Die Letten sind ein ruhiges, ernstes, introvertiertes und naturverbundenes Volk. Kontakt zu ihnen muss man sich meist hart erarbeiten und pflegen. In Lettland haben ca. 30% der Bevölkerung russische Wurzeln und fast jeder spricht Russisch als Zweitsprache. Man merkt noch deutlich den Einfluss der Soviets, unter deren Herrschaft Lettland nach dem zweiten Weltkrieg bis 1991 litt. Seitdem geben sich die Letten alle Mühe wieder eine nationale Identität ohne russischen Einschlag aufzubauen. Dies nimmt leider manchmal auch nationalistische und ausgrenzende Züge an.
Dennoch bin ich von der Stadt an der Daugava und seinen Menschen tief beeindruckt und freue mich bald Riga wieder besuchen zu können.

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