„Auch da könnte man übrigens ein Praktikum machen,“ meint Professor Walberg mit leicht belustigtem Unterton in seiner Vorlesungsveranstaltung „Archivtypologie“. Er stellt gerade verschiedene Archive Europas vor und bezieht sich mit seiner Aussage auf das Historische Archiv der Europäischen Union in Florenz. Hinter ihm projiziert der Beamer das Bild einer italienischen Renaissance-Villa auf die Leinwand.Das reißt mich aus meiner Vorlesungstrance, denn ein Aufenthalt in Italien klingt sehr verlockend.

Das Historische Archiv der Europäischen Union (HAEU) wurde 1983 auf einen Beschluss des Rat es der Europäischen Gemeinschaft und der europäischen Kommission hin gegründet. Hintergrund war das Streben nach einer einheitlichen Sammlungsstelle für das Archivmaterial aller Organe der EU und der Wille, diese Unterlagen der Forschung zugänglich zu machen. In einem weiteren Beschluss der Kommission und des Europäischen Hochschulinstitut (EHI) von 1984 wurde das Archiv der Verwaltung des EHI untergeordnet und bekam seinen Sitz, ebenso wie das Hochschulinstitut, in Florenz, wo es 1986 erstmals seine Türen für Benutzer öffnete.

2013 bezog das HAEU einen neuen Sitz innerhalb von Florenz, die Villa Salviati. Geleitet wird das FlorenzArchiv von Direktor Dieter Schlenker. Er beschreibt die Funktion des Archivs als Gedächtnis, sowohl für die Europäische Union, als auch für die Leistungen der Pioniere und Visionäre, politischen Anführer und die Vielzahl der Stimmen aus Bewegungen, Vereinigungen und politischen Gruppen auf dem Weg in die europäische Einheit. 

Mein Interesse war, wie eingangs erwähnt, sofort geweckt, und die Umsetzung in die Tat verlief tatsächlich unkompliziert. Professor Walberg vermittelte mir die Kontaktdaten des Direktors Dieter Schlenker und dieser bestätigte meine Anfrage umgehend. Lediglich ein Online-Formular des EHI war zusätzlich, zu den üblichen Bewerbungsunterlagen, auszufüllen. Zudem musste ich einen offiziellen Nachweis meiner Englisch-Kenntnisse vorlegen, da dies die dortige Arbeitssprache ist. C1-Niveau ist erwünscht. Italienischkenntnisse müssen nicht vorliegen. Da aber wohl kein Praktikant nach Italien gehen will, nur um dort zu arbeiten, habe ich mich bemüht, die Landessprache im Vorfeld bestmöglich zu erlernen. Sonst bekommt man am Ende des Tages noch die falsche Pizza serviert.

Der Vorbereitungs- und vor allem der Finanzierungsaufwand sind sicherlich umfangreicher als bei einem Praktikum im Inland, sollte aber meiner Ansicht nach nicht gescheut werden.

Neben der Gelegenheit nette Italienerinnen und Italiener kennen zu lernen und dem Leben in einer der kulturell reizvollsten Städte Europas, war für mich mein posto di lavoro eine der spannendsten Entdeckungen.

Allein schon die Villa Salviati ist ein Erlebnis. Sie ist herrlich gelegen am florentinischen Stadtrand Das Historische Archiv der Europäischen Union auf dem Hügel Fiesole. Wer das dolce vita oder Renaissance-Flair gesucht hat, wird hier bereits fündig. Die Villa bietet neben den erwartbaren Räumlichkeiten zu Archivzwecken – Magazin, Büroräume – eine Kantine, Aula, zwei Hektar Parklandschaft drumherum und „natürlich“ eine begehbare Grotte mit Wasserspielen unterhalb des Gebäudes.

Noch bemerkenswerter ist die herzlich-kollegiale Atmosphäre, die in dem circa 25-köpfigen Team um den Freiburger Dieter Schlenker herrscht und in die Praktikanten wie selbstverständlich mit einbezogen werden. Die gesamte Belegschaft setzt sich dafür ein, Praktikanten eine gute Zeit im HAEU und der Stadt Florenz zu ermöglichen. Konkret bedeutet dies: Der eine Mitarbeiter führt einen in die Arbeitsfelder und Bestände des HAEU (z. B. EuGH oder EP) ein und der andere nimmt einen danach mit ins Fußballstadion.

Eine Besonderheit, die das HAEU fast exklusiv im Vergleich zu anderen Archiven zu bietet, ist die Internationalität seiner Mitarbeiter und Praktikanten. Allein während meiner drei Monate hatte ich Praktikantenkollegen aus England, Frankreich, Italien, Spanien, Schweden und Griechenland.

Inhaltlich bestand meine Hauptaufgabe in der vollständigen Erschließung der Akten des Depositums „European Association for Banking and Financial History“ (EABH). Dabei handelt es sich um eine EU-weit agierende Forschungseinrichtung für Bankgeschichte.
Grundsätzlich sind die Bestände des HAEU breit gefächert und erschöpfen sich nicht allein in der Bewahrung von Dokumenten aus den sieben Organen des EU-Apparats. Einen bedeutenden Abschnitt der verwahrten Unterlagen bilden die Nachlässe der berühmten Wegbereiter und Träger der europäischen Einheit – nach einigen von ihnen sind sogar die Räumlichkeiten in der Villa Salviati benannt. Eine Begeisterung für die europäische Idee ist spürbar, der sich sogar ein EU-Laie, wie ich, nicht entziehen kann.

Das Praktikum im Historischen Archiv der Europäischen Union war für mich eine Herausforderung, aus der ich meines Erachtens nach sehr viel gewonnen habe. Ich bin weniger mit Erwartungen, als vielmehr mit Neugier in das HAEU gegangen und konnte dort neue Kenntnisse bezüglich meines angestrebten Berufsfeldes erlangen. Für mich von noch größerem Wert waren jedoch die interessanten Einblicke in das Wesen, die Gestaltung und das Wirken der EU bzw. der EU-Institutionen. Daher sehe ich ein Praktikum im HAEU als großartige Möglichkeit, die Bedeutung des Berufs Archivar aus einem neuem Blickwinkel zu erleben. Dank der steten Hilfsbereitschaft sämtlicher Angestellter gibt es zudem meiner Einschätzung nach keine fachlichen Hürden, die gegen ein Praktikum im HAEU sprechen. Lediglich gehobene Englischkenntnisse müssen vorgewiesen werden; Italienischgrundkenntnisse sind für das Genießen der italienischen Lebensweise von großem Vorteil.

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